Alltags-Helden

Von „Helden“ ist im Zusammenhang der Katastrophen der letzen Jahre immer wieder die Rede, von Menschen, die sich „heldenhaft“ für andere einsetzen, sie bergen, retten, ihnen helfen ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und Sicherheit. Waren es 2001 die Feuerwehrleute in New York, so sind es heute die vielen Männer und Frauen des Ärzte- und Pflegepersonals in den Kliniken, aber auch z. B. die Kassiererinnen und Kassierer an den Supermarktkassen, die mithelfen, dass das eingeschränkte Leben in Corona-Zeiten wenigsten einigermaßen aufrecht erhalten bleibt. Viele sehen das und spenden ihnen Anerkennung und Achtung – nicht nur durch Applaus. – „Wir kochen Essen für die, die den Laden in Zeiten der Krise zusammenhalten“, heißt es beispielsweise in einer Aktion, zu der sich Restaurants in Deutschland zusammengeschlossen haben

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Alltagshelden in Zeiten der Not gab es früher auch. Als im ausgehenden Mittelalter schwere Pestepidemien Millionen Menschen in Europa dahinrafften, gab es auch Männer und Frauen, die sich der Erkrankten und Sterbenden annahmen und auch die Toten begruben – die sich noch anzufassen trauten, wo viele sich nicht mehr aus ihren Häusern herauswagten. Solche Männer waren beispielsweise die „Willigen Armen“ in Hildesheim.

„Lüllekenbrüder“ nannte man sie auch nach dem „Lüllekenhaus“ („domus Lullekenii“), das im Michaelisviertel in Hildesheim stand.  Sie waren ursprünglich eine religiöse Laiengemeinschaft, die sich auch der Krankenpflege und der Totenbestattung vor allem in Pestzeiten widmete und damit ihren Lebensunterhalt bestritt. Solche religiösen Gemeinschaften entstanden vielfach im ausgehenden Mittelalter im Zuge der Armutsbewegung. Von dem Wort „lollen“ oder „lullen“, was soviel wie singen, summen, murmeln bedeutet und auf die typische Gebets- und Gesangsart der Brüder beim Almosenheischen oder beim Bestatten der Toten zurückzuführen ist, leitet sich der auffällige Name der Gemeinschaft wie auch später des Hauses her.

Die Gemeinschaft erhielt ihr Haus Mitte des 14. Jahrhunderts (wohl 1359) als fromme Stiftung der Hildesheimer Patrizierfamilie Galle übertragen, wie aus einem Dokument von 1470 hervorgeht. Sie sollten für die Lebenden und Verstorbenen dieser Familie beten und Gutes tun. Möglicherweise ist die Entstehung des Lüllekehauses auch in direktem Zusammenhang mit den ersten Pestepidemien zu sehen. Die Menschen standen ja dieser furchtbaren Krankheit mehr oder weniger wehrlos gegenüber, Gebet und Gottesdienst erschienen als ein wichtiges Heilmittel, so dass es zu vielen Mess- und Gebetsstiftungen kam.

Schutzmantelmadonna. Relief an einem Haus in Hildesheim (Brühl) von 1497. Auf dem Spruchband steht: „Unter deinen Schutz fliegen wir,m wo die Kranken ihre Kraft empfangen haben.“

In den Jahren vor der Stiftung des Hauses für die Bruderschaft wütete eine »sehr verheerende Pest« in Hildesheim; auch danach gab es immer wieder Pestepidemien: zwischen 1547 und 1549 starben fast 3000 Menschen, 1566 gab es zwischen 5000 und 6000 Tote – zum Höhepunkt dieser Epidemie starben im Schnitt täglich ca. 40 Menschen, 1597/98 gab es über einen Monat lang allein in der Altstadt weit über 200 Tote pro Woche – und das bei einer Einwohnerzahl, die ja weitaus kleiner war als zu unserer Zeit. Die „Willigen Armen“ gehörten zu den Menschen, die sich der Erkrankten annahmen – aber auch der Verstorbenen. So soll der Name »Celliten«, mit denen man sie auch bezeichnete, auf lat. cella = Grab und das Anlegen von Gräbern zurückzuführen sein.

Auch die „unehrenhaft Verstorbenen“, z. B. Hingerichtete,  mussten sie zur letzten Ruhe betten. So beschreibt es der Hildesheimer Bürgermeister Henning Brandis in seinem Tagebuch von 1497. Dazu hatten die Brüder eine Karre, auf die sie die Leichen legen und transportieren konnten: „Do se afgehouven weren, mosten se de willigen armen leggen in ein schudderump und tragen up sante Katharinen kerkhof, dar worden se begraven.“ – „Schüdderump“ nannte man einen solchen Karren, weil man ihn zum „Schütten“ nutzen konnte. Der Schriftsteller Wilhelm Raabe beschreibt einen solchen Schüdderump in seinem gleichnamigen Roman:

»Da stand er wirklich – ein hoher schwarzer Karren auf zwei Rädern, mit einem halb erloschenen weißen Kreuz auf der Vorderwand und der Jahreszahl 1615 auf der Rückwand. Mein Begleiter legte zärtlich die Hand darauf und sprach: ›Trete der Herr nur näher; man sagt, und es steht auch davon geschrieben, er sei der einzige in der ganzen Welt. Anno 1665 ist er zum letzten Male gebraucht worden – sieht der Herr – so!‹ Und der heitere Bursche zog den Karren herum, schlug einen Riegel weg, und die abscheuliche Maschine that einen Ruck und kippte über und schüttete eine imaginäre Last von Pestleichen in die Grube.«

Wilhelm Raabe: Der Schüdderump

Auch wenn das Lüllekenhaus verschiedentlich als „Alexienhosiptal“ in der Literatur auftaucht, so war es eben doch kein „Hospital“, deren es zu dieser Zeit zahlreiche in Hildesheim gab – wie etwa das „Hospital zu den 5 Wunden“, dessen markante Eingangstür man noch heute gegenüber von St. Godehard sehen kann, oder das „Arnekenhospital“, dessen Inschrift an einem Haus in der Arnekenstraße noch darauf hinweist. Eher war es eine Art religiöser „Sozialstation“ des Mittelalters. In erste Linie bestand das Leben der Brüder ja in ihrem religiösen Dienst des Gebetes, dem sie sehr intensiv anhingen.

Die Pest wurde – wie andere schwere Krankheiten oder Kriege – als Strafe Gottes für sündhafte Verhalten der Menschen verstanden. Von daher hatten Gottesdienste und Gebet eine wichtige Funktion: Gott gnädig stimmen. Nach dem Psalm 91, in dem die „Pest, die im Finstern schleicht“, genannt wird, wurden zahlreiche Lieder getextet, die im Gottesdienst aber auch privat gesungen wurden. So auch das folgende von Cyriakus Schneegaß aus dem 16. Jahrhundert:

Gerechter Gott, uns liegt im Sinn /die schwere Straf und Plage, / da in der Näh viel werden hin- / gerissen alle Tage, / indem die Pest, dein scharfer Pfeil, / herum da fleugt in aller Eil / von einem zu dem andern. 

2. Wir alle müssen nun vor dir, / o großer GOtt, bekennen; / dein Grimm hat Ursach auch allhier / und gegen uns zu brennen, / denn wir ja leider! allgemein, / nicht im geringsten frömmer seyn, / als die du jetzt heimsuchest.
    3. Deßhalben treten wir vor dich / n Herzens Reu und Buße, / wir fallen dir demüthiglich, /GOtt, unser Schutz, zu Fuße; / die Pest und Seuchen von uns kehr, / und gönne deine Macht nicht mehr / dem Engel, dem Verderber.
   5. Befiehl den Engeln auch hinfort, / auf Händen uns zu tragen, / daß wir seyn frey an allem Ort, / und wo wir seyn, von Plagen, / wend alle Noth ab und Gefahr, / Und für der Pestilenz bewahr uns, / die wir auf dich trauen.
   8. Steh anderswo auch denen bey, / die schon das Unglück troffen, / gieb, daß ihr Glaube standhaft sey, / laß in Gedult sie hoffen, / daß du aus Gnaden ihnen doch / mit Hülfe wirst erscheinen noch, / es komm auch wie es wolle.
   9. GOTT Vater, Sohn und Heilger Geist, / der du zu allen Zeiten / hast große Güt und Macht beweist / in viel Gefährlichkeiten: / Behüt uns auch nun gnädiglich, / daß wir für alle Wohlthat dich / noch auf der Erde preisen. (T: Cyriakus Schneegaß, 1546–1597 –  Zu singen nach: Aus tiefer Not schrei ich zu dir)

Wie viele der „Willigen Armen“ sich im Dienst an den Pestkranken angesteckt haben und daran gestorben sind, weiß man nicht. Aber man kann diesen unbekannten Heiligen des Alltags nur mit größtem Respekt begegnen. Heute gibt es für die Alltagshelden in Zeiten des Corona-Virus in manchen Städten zu bestimmten Uhrzeiten Applaus von den Menschen. Als eine ähnliche Anerkennung darf man es verstehen, wenn Onofrius Meyenrose, Küster zu St. Paul in Hildesheim im 16. Jahrhundert die Brüdern in seinem Gedicht auf die Stadt („Ein schöner Spruch“) benennt. Den Schrecken der Pest in Hildesheim hat Meyenrose selbst miterleben müssen, und von daher rührt sicher seine Hochachtung der Bruderschaft gegenüber, die ohne Scheu Kranke pflegte, Tote barg und für ihre Bestattung sorgte:

„Noch eines will ich nennen gern: / Vier oder fünf gar fromme Herrn / in einem Haus zusammen leben, / die in der Not nicht Rat nur geben, / sondern auch kranke Leute pflegen. / Sie beten, trösten, schenken Segen / und dienen Arm‘ und Reichen gern / um Gottes Lohn ohne Beschwern, / ihr Brot verdienen sie mit Ehrn.“

Ein anderer Name, der immer wieder für diese Gemeinschaft begegnet, ist Alexienbrüder – benannt nach dem hl. Alexius von Edessa. Er war ein vielverehrter Heiliger des Mittelalters und heute fast unbekannt. Weil er in selbstgesuchter Armut lebte, war dieser Heilige ein Vorbild für die Menschen, die ebenfalls nach dem Gebot Christi, alles wegzugeben und ihm nachzufolgen, leben wollten. Der Alexianerorden existiert bis heute als ein Krankenpflegeorden, der mehrere große Kliniken vor allem in Nordrhein-Westfalen unterhält und so auch auf zeitgemäße Weise das Werk der „Willigen Armen“ fortführt.

Das von Onofrius Meyenrose verfasste Lobgedicht auf die Stadt Hildesheim können Sie in dem Büchlein „Ein schöne Stadt auf schönem Grund“ nachlesen, das auch weiter Informationen zu den Willigen Armen in Hildesheim enthält. Hier bekommen Sie weitere Informationen und können einen Blick ins Buch werfen: www.verlag-monikafuchs.de

Vgl. dazu auch das sehr aufschlussreiche Buch von Monika Höhl, Die Pest in Hildesheim – Krankheit als Krisenfaktor im städtischen Leben des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (1350-1750)“, Hildesheim 2002.

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