Osterfrieden

„Das Wunder muß man zu empfangen bereit sein“

Über den „kleinen Frieden im großen Krieg“ hat Michael Jürgs ein Buch geschrieben, über jenes friedliche Aufeinanderzugehen befeindeter Soldaten an Weihnachten 1914 an der Westfront, über das gemeinsame Singen und den Austausch kleiner Geschenke. Ein kleiner Friede, der mancherorts nur wenige Stunden hielt, ehe wieder das Schießen begann – eine Geschichte, die immer wieder ergreift, wenn man sie liest, weil sie die Ahnung an einen großen, endgültigen Frieden in einem hochrucken lässt. – Warum aber verbinden wir mit dieser Vorstellung von Frieden immer das Weihnachtsfest? Ist nicht eigentlich Ostern das Fest des Friedens, des wahren Friedens, den auch der Auferstandene seinen Jüngern zuspricht?

An der Ostfront ereignete sich 1915 in einem Teilabschnitt eine ganz ähnliche Geschichte wie Weihnachten 1914 – aber eben an Ostern. Karl Friedrich Borée beschreibt in der kleinen Erzählung „Der russische Frühling“ den ersten lauen Tag nach einem langen, tiefen russischen Winter in einem Waldstück, in das der Krieg eingebrochen war. Und nun: Frühlingsgerüche allenthalben. Doch plötzlich eine Störung:

Der Telefonist sprang herein und rief: „Meldung von der Zweiten: Die Russen kommen überall aus den Gräben. Ob geschossen werden soll?“ Das war allerdings eine sonderbare Botschaft. […]

In fünf Minuten waren wir vorn. Am Waldsaum vor den Wiesen. Da sahen wir das Niegesehene, das niemals Wiedergesehene: Die Erde lebte! Die Erde hatte sich auf getan und mit friedlichen Menschen bevölkert. Aus den Falten und Schluchten drangen sie zur Sonne hervor, über die Hügel rieselten sie, von den Hängen stiegen sie hernieder, in Gruppen und Reihen, müßig wie sonntägliche Ausflügler: die Russen waren aus ihren Gräben gekrochen … Weithin, so weit überhaupt das Vorfeld zu überblicken war. Noch waren sie fern, dunkle Strichlein im hellen Licht, aber durch die Gläser erkannten wir, daß sie keine Gewehre trugen, und allmählich wurde deutlich, daß einzelne Gruppen sich dem Wiesengrund näherten, der uns voneinander schied.

Unsere Jungen starrten wortlos über den Grabenrand, verklärt, wie verzaubert. Es klang ihnen etwas in den Ohren: Friede auf Erden! […] Es war ein unbegreifliches Bild, den Feind so friedlich nahe zu sehen. Und nun hörten wir sie auch. Sie riefen etwas; man konnte es nicht verstehen, es war Russisch. Aber plötzlich klang eine Stimme ganz nahe vor uns, klar und deutsch: „Fröhliche Ostern!“ Und wir sahen den Mann, der gerufen hatte; an einem Weidenbusch stand er, dicht am Drahtverhau. Zwei Kameraden neben ihm winkten. Der Hauptmann lenkte in flottem Schritt auf sie zu, sie streckten die Arme über den Draht, in den Händen hielten sie etwas Weißes. Der Kompanieführer hinter uns schrie: „Um Gottes willen!“ Doch wir reichten die Hände entgegen und empfingen jeder ein Ei. „Danke!“ sagten wir, und dann winkte der Hauptmann lose mit der Hand: „Zurück! Zurück!“ und wurde verstanden. […]

Und dann wurde doch wieder geschossen. Zuerst in die Luft, dann später wieder aufeinander.

Nach drei Minuten war kein Mensch mehr zu sehen, nicht eine Bewegung, nichts, das sich noch rührte. Die Einsamkeit war wieder zurückgekehrt. Wir beide standen noch einen Augenblick gedeckt durch die vordersten Bäume und sahen in die sonnenbeschienene Landschaft hinaus. Der Hauptmann sprach: »Es stimmt; sie feiern heute ihr Ostern.« Dann sah er das Ei an, das er noch in der Hand trug, und fügte halblaut hinzu: »Das Wunder, wenn es sich einmal begibt, muß man zu empfangen bereit sein«, und darauf unvermittelt: » Wenn man jetzt hier fiele, können Sie sich etwas Schöneres denken, als hier begraben zu sein,  gerade hier vor dem Wald mit dem Blick auf die Wiesen?»

Karl Friedrich Borée, Spielereien und Spiegelungen, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1961, 13–17.

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