Geschwätzigkeit

So viele Geräusche, welches ist wichtig?

Ein aus dem Krieg heimgekehrter Marineoffizier findet weder in seiner Familie noch im allmählich wieder einsetzenden gesellschaftlichen Leben einen Halt und Grund. Er fühlt sich heimatlos. Da stößt er beim Lesen des 90. Psalms auf den Vers: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ Dieser Satz lässt ihn nicht mehr los. Er beginnt ein anderes Leben, sucht sich eine einfache Arbeit auf dem Lande als Fischer und findet einen neuen und tieferen Sinn in seinem Dasein. – Das ist, ganz kurz, der Inhalt des Romans „Das einfache Leben“ von Ernst Wiechert, den dieser 1939 veröffentlichte.

„Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ So die lutherische Fassung des Verses, der in der Einheitsübersetzung lautet: „Wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer“ (Ps 90,9). „Die ‚Bibel in heutigem Deutsch’ übersetzt das mit ‚Leben … so flüchtig wie ein Seufzer’ – das klingt, auch wenn es vermutlich ‚richtiger’ ist, wie Beethovens Neunte auf dem Kamm geblasen.“ (Arno Pielenz)

„Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ Und mit Geschwätz: Das könnte auch ein Fazit unserer Zeit sein. Gab es wohl jemals eine Epoche, die mehr von Geschwätz und Geschwätzigkeit geprägt war, als unsere gegenwärtige? Wer meint nicht, seine Meinungen zu allem und jedem der Welt mitteilen zu müssen? Die Auswüchse sehen wir derzeit in politischen „Diskussionen“ und statements, die auf wenige Zeichen begrenzt sind und schon von daher mehr Meinung als Information sind. „Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung“ könnte man sie vielfach auch umschreiben.

Zu den guten Liedern, die aus dem alten Gesangbuch „Gotteslob“ nicht mehr übernommen (und vielfach durch weniger gute ersetzt) wurden, zählt auch das „Worauf sollen wir hören, sag uns, worauf“ (GL 1975, 623). So viele Reden, so viele Parolen, so viele Gedanken, so viele Fragen: So viele Geräusche lassen im Hintergrund verschwinden, was wirklich „wahr“ ist, was wirklich zählt. Aus der Geschwätzigkeit dasjenige Wort herauszufiltern, das weiter hilft, das trägt, das in Bewegung setzen kann, ist schwerer als je zuvor.

Denn, auch das ist zu konstatieren, selbst in der Liturgie gibt es die Geschwätzigkeit, seit die Möglichkeit besteht, „in eigenen Worten“ zu formulieren: Einführungen, Hinführungen, Überleitungen, Besinnungen, selbst Rubriken und manchmal auch Gebete. Was davon trägt? Wer erfasst das entscheidende Wort unter den vielen Wörtern? Manches, nein vieles bleibt banal, leer, floskelhaft, überhörbar.

Der November und das Ende des Kirchenjahres ist eine stille Zeit (was der Dezember längst nicht mehr ist). Auch eine Zeit zu mehr Stille im Gottesdienst, die oft wohltuender ist als noch so viele Worte.

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