Gnadenvergiftung: Verdrückte Andacht beim Essen

Der elfjährige Friedrich Christian wächst in einem evangelischen Pfarrhaus im hessischen Wehrda auf. Das Religiöse bestimmt das Zusammenleben auch außerhalb des Gottesdienstes. Über jedem Essen schwebt eine bedrückende Andächtigkeit und Ehrfurcht, sogar schon beim Frühstück. Auch am 4. Juli 1954, einem Sonntag, an dem das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn stattfindet, auf das sich der Junge freut, weil er die Radioübertragung am Nachmittag anhören darf.

Geradezu autobiographisch genau hat Delius die religiös aufgeladene Atmosphäre bereits beim Frühstück beschrieben, aber auch beim Mittagessen. Zum Glück finden sich an und auf dem Tisch für den Jungen kleine Fluchten aus dieser vergifteten Gnadenhaftigkeit …

Das Brot war heilig, auf jedem Laib, obwohl im Dorfbackhaus gebacken, lag der Segen des Heilands, auf jeder Scheibe, als sei sie nicht durch die Brotmaschine gekurbelt, sondern von Jesus persönlich gebrochen worden, der Widerschein eines Wunders. Das tägliche Brot, um das wir täglich beteten, es kam tatsächlich auf den Tisch. […] Indem wir es kauten, kauten wir die Ehrfurcht vor dem Brot mit, und obwohl noch nicht reif für das Abendmahl, waren die Belehrungen schon so weit fortgeschritten, so tief ins Bewußtsein gestempelt, daß ich beim ruhigen Sonntagsfrühstück schon den Anflug des Heiligen Geistes spürte.

Jedes Tischgebet beschwor die Einheit zwischen Brot und Jesus und Gott und jenem magischen Geist, einer der drei oder alle zusammen schenkten das Essen, und daran sollte gedacht werden beim Anblick des Weizens auf dem Feld, der Ähren, der Dreschflegel und der Dreschmaschine, der Kornsäcke, des Mehls, der vollen Backbretter der Bauersfrauen, und so dachten wir, selbst wenn wir nicht daran denken wollten, im Beißen und Kauen an die Gnade des Herrn, der uns das Brot geschenkt hatte und nicht hungern ließ, der uns sogar wohnen ließ zwischen Feldern voll Weizen, Roggen, Gerste, Hafer. […]

Auf der Kabapackung aber blühten die Palmen, leuchtete gelb die Wüste, ich fand es erleichternd, daß der Kakao zu Jesuszeiten unbekannt war und in keinem Gebet genannt wurde, also ohne verdrückte Andacht getrunken werden konnte, ich sehnte mich fort zu den Plantagen, träumte von einer Mahlzeit mit lauter Lebensmitteln, die nicht von Gottes Gnade vergiftet waren, und nahm die dritte Scheibe.

Auch das Wörtlein „beut“ aus dem Tischgesang vor dem Mittagessen („Der Tisch ist gedecket und alles bereit, oh seht, was die Liebe des Vaters uns beut …“) gibt dem Jungen Freiraum, lässt ihn an „Beute“ denken – zugleich stört ihn dessen Altertümlichkeit, kam es doch im wirklichen Leben nicht vor.  So albern escheint es ihm, dass es zum Grinsen oder gar Kichern unter den Kindern anstiftet, wo sonst, an Werktagen, das kurze „Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast“ ernsthaft mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen gesprochen wurde.

Ein nicht nur der Beschreibungen der beiden Mahlzeiten wegen äußerst lesenswertes Buch!

Friedrich Christian Delius, Der Sonnag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek b. Hamburg 1994.

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