In der Bahnhofsgaststätte

Guido Fuchs
In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen
Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2018
260 Seiten | Klappenbroschur zahlreiche Bilder | ISBN 78-3-947066-65-0
Euro 17,50 (D)

Die wahren Mysterien finden im Bahnhof statt, könnte man mit Marcel Proust sagen. Das korrekte längere Zitat ist in dessen umfangreichem Werk leichter aufzufinden als auf den meisten heutigen Bahnhöfen eine gemütliche Gaststätte, in der Reisenden beim Warten und Umsteigen als „Visitenkarte“ von Stadt und Städtchen regionale Spezialitäten angeboten werden. Ich habe viele Bahnhöfe besucht, um zu sehen, wie sie sich kulinarisch und kulturell präsentieren. Das Ergebnis war in der Regel ernüchternd und spannend zugleich. Selbstverständlich konnte auch ich mich niemals dem „Mysterium Bahnhof“ als Schicksalsort von Wiedersehen und Abschied, von Küssen und Tränen, von Langeweile und Tristesse und der Endstation gescheiterter Beziehungen und Existenzen entziehen.

Ähnlich wie Bahnhöfe, die ein ergiebiges Thema für Literaten sind, stellen auch deren Gaststätten Räume dar, mit denen sich verschiedenste Begegnungen, Erwartungen, Empfindungen, Erlebnisse, verdichtet in einer Schwellensituation, verbinden. Bahnhofsrestaurants und -buffets, Bahnhofswirtschaften und -gaststätten, Bahnhofskneipen und -cafés sind meist Zwischen-Räume, Warte-Säle, wie sie auch genannt wurden, selten bewusst angesteuertes Ziel eines gastronomischen Erlebnisses wegen (was es freilich auch gab und gibt). Das macht sie zu Standard-Plätzen in der Literatur nicht nur im architektonischen Sinn.

Guido Fuchs, kath. Theologe und Publizist, hat die in diesem Buch gesammelten Geschichten, Gedichte, Erinnerungen und kurzen Szenen zu einem literarischen Menü in zwölf Gängen zusammengestellt, auch wenn in ihnen nicht immer gegessen und getrunken wird. Es geht und ging in den Restaurationen auch um um Sehnsüchte und Hoffnungen, und kleine und große Fluchten, um interessante Gespräche und anregende Impressionen aus der Betrachtung des Treibens im Bahnhof. Aber natürlich auch um das Essen und Trinken, um obstinate Ober oder raffinierte Wirte – wie den aus Podwolodschyska, der nie die Gans servieren musste, die bestellt wurde, weil … nein, das verraten wir hier nicht. Ein ganz anderes Kaliber war da schon der Vater des Schriftstellers Ernst Zahn, der in der Bahnhofswirtschaft Göschenen vor dem Gotthardtunnel in den 25 Minuten Wartezeit während des Umspannens der Lok ein sechsgängiges Menü servierte, das später in einem Roman Hermann Burgers noch einmal auflebte und als „die goldene Venticinqueminutidifermata-Zeit für das Bahnhofbuffet Göschenen“ beschworen wird.

Und es geht um das Warten. Denn Wartesaal nannte man diese Einrichtung auch, in der man, nach Klassen unterteilt, etwas essen und trinken konnte, um sich die Zeit zwischen den noch nicht eng  getakteten Zügen zu vertreiben. Eine Möglichkeit auch zu philosophieren und Betrachtungen anzustellen, über den Sinn der Lebensreise etwa. Denn Bahnhöfe und ihre Wartesäle haben durchaus ein religiöses Moment; „als Zufluchtsstätten, die immer offenstehen, haben die Bahnhöfe, Kultstätten für den Gott des Wartens, die Kirchen abgelöst”, schreibt Peter Utz (64).  G. K. Chesterton beschrieb sie als Kathedralen wie auch Franz Werfel; Lew Tolstoi verglich den Himmel mit einem gut bestückten Bahnhofsbuffet. Er starb auf einer abgelegenen russischen Bahnhofsstation, während in der Bahnhofswirtschaft die Familie und andere auf seinen Tod warteten, um ihn der Welt zu verkünden. Das in Sarajevo 1914 erschossene Thronfolgerpaar wurde im Bahnhof St. Pölten unter dramatischen Umständen eingesegnet, dieweil man nebenan fröhlich aß und trank …

Vom Sterben erzählt dieses Buch auch, nämlich vom Verschwinden der Restaurants und Gaststätten und der Umwandlung von Bahnhöfen zu bunten Durchgangsstationen des Fast-Food-Zeitgeistes. Im Verlauf weniger Jahrzehnte ist eine Bahnhofskultur verloren gegangen, die anscheinend auch nicht mehr vermisst wird. Jüngere Menschen wissen logischerweise nicht mehr, wie es früher einmal in Bahnhöfen zuging. Sie erleben Bahnhöfe nur noch als Durchgangsstation, vor der sich gerne „Penner“ in Grüppchen versammeln. Und Bahnhofsgaststätten kennen sie gar nicht mehr. Raymond Dittrich hat es so ausgedrückt: „Sie haben es abgerissen. Ein aus der Mode gekommenes Restaurant mit riesigem Speisesaal. … Wer nicht verreisen wollte, zog sich in die Nischen zurück. Man hatte Zeit oder vergaß sie hier. – Die Zeit ist um, meinten sie. Und eröffneten eine gläserne Theke für den Durchgangsverkehr. Keine Falte, in die du dich bergen kannst. Du sollst dich nicht aufhalten. Iß, zahle und verschwinde hier“ (44).

Wie gut, dass man in diesem Buch noch einmal in der Bahnhofsgaststätte verweilen kann, so lange man will.  (W. K.)

Das könnte dich auch interessieren...