Der Gott des Wartens

„Woher ich kam, wohin ich gehe, weiß ich nicht. Doch dies: von Gott zu Gott! ist meine Zuversicht. (Friedrich Rückert). 

Woher – wohin: Die metaphysischen Grundfragen des Menschen reduzieren sich in einem Bahnhof auf Ankunft – Abfahrt. Und doch sind Bahnhöfe, ihre Perrons, Wartesäle und Gaststätten als vorläufige Orte Räume voller Symbolik. Sogar etwas Wundervolles, Überirdisches können sie andeuten, wie es schon bei G. K. Chesterton, Franz Werfel oder Lew Tolstoi zum Ausdruck kommt. Der religiöse Bezug kommt nicht von ungefähr; „als Zufluchtsstätten, die immer offenstehen, haben die Bahnhöfe, Kultstätten für den Gott des Wartens, die Kirchen abgelöst”, schreibt Peter Utz mit Blick auf Kurt Guggenheims Roman „Der goldene Würfel“.

Water Orphey, nachts im Wartesaal (1923)

Die vorliegende Anthologie trägt in zwölf Kapiteln die verschiedenen Aspekte des Reisens und Speisens, des Wartens und Sehnens, wie sie in Bahnhöfen  begegnen, gleichsam als literarisches Menü zusammen: Da geht es um das Abschiednehmen und Ankommen, um kleine Fluchten und große Hoffnungen, um reisende Gäste und schrulliges Personal, um Gott und die Welt. Ein nostalgisch-launiges Lesevergnügen, das beiläufig auch die Geschichte des Speisens und Reisens seit den 1830er-Jahren vor Augen führt, das es heute, da man mit dem Coffee-to-go durch die Bahnhofshalle stürmt, so nicht mehr gibt.

Mit Texten von Heinrich Böll, Hans Fallada, Gertrud Fussenegger, Günter Grass, Gerhart Hauptmann, Herta Müller, Walter Kempowski, Rosa Luxemburg, Sten Nadolny, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Joseph Roth, Lew Tolstoi, Robert Walser, Franz Werfel – und vielen anderen.

Guido Fuchs
In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen
Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2018
260 Seiten | Klappenbroschur zahlreiche Bilder | ISBN 78-3-947066-65-0
Euro 17,50 (D)
Erhältlich in jeder Buchhandlung oder
 www.verlag-monikafuchs.de

Aus Besprechungen:

Fuchs lässt rund 160 bekannte und unbekannte Autoren in seiner Blütenlese zu Wort kommen. Ihre Gemeinsamkeit: Immer geht es um das Speisen auf Reisen, um legendäre Speisekathedralen, Bahnhofsbüffets oder Schankstüberl am Gleis – um die Schwellensituationen in den „Zwischen-Räumen“. (MAIN-POST Würzburg)

Beim Lesen bekommt der Leser Appetit auf mehr – und ein bisschen Fernweh. Wenn auch die heutigen Bahnhöfe nicht mehr die Kathedralen des Fortschrittes und die Orte der Begegnungen sind, als die sie in der Literatur oft beschrieben sind. (NWZ Göppingen)

Das waren noch Zeiten, in die wir hier entführt werden: Die Bahnhofsgaststätte, ein Ort, der einmal zu den existentiellen Orten der Moderne gehörte und heute eine ins Vergessen geratene kulturell-kulinarische Einrichtung geworden ist. – Ein reich illustriertes Buch, das bei seiner Spurensuche zurückfindet bis zu den Anfängen öffentlichen Eisenbahnverkehrs und der gastronomischen Betreuung der Fahrgäste. (mdr – Unter Büchern)

Das ist kein schnell zusammengeschustertes Büchlein mit Auszügen aus den immer gleichen Eisenbahngeschichten, die sich schon in zwei Dutzend Anthologien finden lassen. Hier hat ein Herausgeber in liebevoller Hingabe akribisch zusammengestellt, was die Literatur zum Thema hergibt. (Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte)

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