Mehr als ein halber Mantel – Martin von Tours (11. November)

Er ist ein Heiliger, der wirklich noch im Alltag der Menschen begegnet – allerdings meist erst im November, in dem er seinen kirchlichen Gedenktag hat (11. 11.), ungewöhnlicherweise der Tag seiner Beisetzung im Jahr 397. Seine Präsenz ist ganz unterschiedlich.

Im Vordergrund des Martinstages am 11. November stehen heute vor allem die Martins- und Laternenumzüge. Sie sind ein Überbleibsel von Heischegängen und -umzügen, bei denen ursprünglich unter Absingen eines Liedes um Brennmaterial einerseits und um Reste von den Martinsmahlzeiten andererseits gebettelt wurde. Die Martinslaterne hat ihren Ursprung wohl in diesen Heischeumzügen in der dunklen und kalten Jahrezeit. Vielleicht hängt das Licht der Martinslaternen aber auch zusammen mit einer Bibelstelle, die für den Martinstag belegt ist, und in der gesagt wird, dass wir uns auf die Ankunft des Herrn bereiten sollen mit brennenden Lampen in den Händen. Mit dem Martinstag begann ja einmal rechnerisch die Zeit der 40tägigen Fastenzeit im Hinblick auf das Fest Epiphanie am 6. Januar.

„Martiniloben“: So nennt man in Österreich den Brauch, am Martinstag zu Ehren des Heiligen neuen Wein zu segnen und bei einer anschließenden zünftigen Feier zu trinken. Seinen Namen hat dieses „Martiniloben“ ursprünglich von der liturgischen Feier des kirchlichen Frühgottesdienstes, der Matutin am 11. November, die mit den Worten beginnt: „Laudemus dominum nostrum in confessione sancti Martini“ – „Lasst uns Gott loben, am Fest des heiligen Martin.“ Heute kommt es wohl auch ohne  Liturgie aus …

Das Wissen um das Leben und Wirken Martins ist heute meist auf die Mantelteilung und allenfalls noch seine Bischofswahl beschränkt. Dank der Schriften eines seiner Schüler, Sulpicius Severus mit Namen, war und ist man über das Leben Martins recht gut unterrichtet. In ihnen nehmen die verschiedenen Leistungen Martins einen entsprechenden Raum ein: seine Wunder etwa, seine Askese, sein unablässiges Gebet, sein Wirken als Bischof, seine Missionsreisen, sein unerschrockenes Auftreten auch vor den Mächtigsten der damaligen Welt, sein Einsatz gegen die damals abweichenden Lehren, seine Zuwendung gegenüber den Ärmsten und Kranken. Martin lässt sich nicht auf eine – wenn auch besondere – Tat reduzieren.

Martin ist auch nicht einfach nur Martin von Tours. Sein langes Leben ist geprägt von einer geradezu neuzeitlich anmutenden Mobilität: Geboren in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts im heutigen Ungarn, aufgewachsen in Norditalien, wo sein Vater als Militärtribun tätig war; als Soldat stationiert (unter anderem) in Nordfrankreich; Einsiedler auf einer Insel in der Bucht von Genua, Klostergründer in der Nähe von Poitiers und dann noch einmal in Tours; als Bischof, Missionar und Wundertäter im ganzen Gebiet der Loire unterwegs. Zwischenzeitlich sehen wir ihn auch in Trier beim Kaiser, dann wieder in Mailand; in den Alpen wird er einmal überfallen.

Als er im Jahr 397 stirbt, wird er längst vom Volk als Heiliger verehrt; er ist einer der ersten Heiligen überhaupt, denen diese Verehrung als Nicht-Martyrer zuteil wird. Ausführlich schildert Sulpicius in einem Brief die letzten Tage und Stunden Martins; sein Leiden, seine Zwiesprache mit Gott, seine Auseinandersetzungen mit dem Teufel. Sein Begräbnis gleicht einem Triumphzug; eine unglaublich große Menschenmenge nimmt daran Anteil, allein etwa 2000 Mönche geleiteten Martin zur letzten Ruhe. Der Tag seines Begräbnisses, der 11. November, wurde zum Gedenktag des heiligen Martin, nicht, wie es sonst üblich ist, sein Todestag, drei Tage zuvor. Martin starb 40 km entfernt von Tours in einem kleinen Ort an der Loire namens Candes; hierher war es gerufen worden, um eine Streitigkeit innerhalb des Klerus zu schlichten.

Für viele Menschen konzentriert sich das Leben des Heiligen auf jener Ereignis am Stadttor der nordfranzösischen Stadt Amiens, wo der junge Soldat – vielleicht auf einem Kontrollgang der Wachen – einen Bettler trifft und dabei Christus selbst begegnet. Dieses Geschehen wird zum entscheidenden Datum seines Lebens: er läßt sich taufen, quittiert wenig später den Dienst beim Militär, wird Einsiedler, Mönchsvater, Bischof, Missionar, Wundertäter, Heiliger.

Der Winter in jenem Jahr, als die Mantelteilung geschah, wird von Sulpicius als ungewöhnlich hart beschrieben; die eisige Kälte kostete vielen Menschen das Leben. Der Arme am Stadttor war notdürftig bekleidet und flehte die Vorübergehenden um Erbarmen an. Doch alle gingen vorbei. Das erinnert mehr als deutlich an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Mantel oder besser: Soldatenumhang war gewissermaßen das Letzte, was Martin noch besaß; alles übrige, so Sulpicius, hatte er schon für ähnliche Zwecke ausgegeben. Also teilt er das Letzte auch noch, schneidet diesen Umhang in zwei Hälften und gibt eine davon dem Bettler. Um das Zeugnis eines solch guten Werkes zu bekräftigen, erscheint in der Nacht Christus dem jungen Martin im Traum und erklärt, dass er im Armen das Gewand bekommen habe. Eine Auslegung gewissermaßen des Gleichnisses vom Weltgericht: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

In den Erzählungen und Reiseabenteuern, die Gottfried August Bürger 1786 dem Baron von Münchhausen in einem Buch zugeschrieben hat, kommt es auf dessen Reise nach Russland zu einem Vorfall, der an die Mantelteilung Martins erinnert, aber in gewisser Weise auch karikiert:

Gustave Doré, Illustration zu Münchhausens Reisen

Man kann sich denken, wie bei so strengem Wetter, unter dem raschesten Himmelsstriche, einem armen, alten Manne zumute sein mußte, der in Polen auf einem öden Anger, über den der Nordost hinschnitt, hilflos und schaudernd dalag und kaum hatte, womit er seine Schamblöße bedecken konnte. Der arme Teufel dauerte mir von ganzer Seele. Ob mir gleich selbst das Herz im Leibe fror, so warf ich dennoch meinen Reisemantel über ihn her. Plötzlich erscholl eine Stimme vom Himmel, die dieses Liebeswerk ganz ausnehmend herausstrich und mir zurief. »Hol‘ mich der Teufel, mein Sohn, das soll dir nicht unvergolten bleiben!«

Auch Martins Bischofswahl ist noch rudimentär im Gedächtnis. Allerdings wird sie gern mit den Gänsen in Verbindung gebracht, die den Asketen angeblich verraten hätten, als er sich aus Furcht vor dem Bischofsamt im Stall versteckt hielt. Die Geschichte,m die Sulpicius Severus erzählt, ist weitaus interessanter. Zunächst einmal hatte man Martin mit einer List aus dem Kloster gelockt, indem man ihn zu einer kranken Frau bat. Dann lenkte man ihn zur Kirche hin, wo schon viele Menschen auf ihn warteten. Durch die Menge wurde aber der Psalmensänger daran gehindert, zu seinem Dienst zu kommen; ein anderer nahm das Buch und las, was ihm gerade vor Augen kam, nämlich den Psalm 8, in dem davon die Rede ist, dass Gott sich aus dem Munde von Kindern und Säuglingen ein Lob bereitet wegen seiner Feinde, um den Feind und den Defensor [Rächer] zu beschämen.

Tatsächlich gab es unter den Gegnern Martins (auch die gab es) einen Bischof Defensor – und so wie der besagte Vers gelesen wurde, brandete unter den Anhängern Martins Beifall auf … seine Wahl zum Bischof wurde gewissermaßen von Gott selbst bestätigt.

In der Lebensbeschreibung Martins kommen die Gänse nicht vor. Freilich bringt diese angebliche Legende einen Bezug des Heiligen zum Ausdruck, der auch in der – ja viel interessanteren – Beschreibung des Sulpicius zu finden ist: bezeichnet wird damit die Bescheidenheit Martins, der das Bischofsamt nicht angestrebt hatte. Möglicherweise waren es gelehrte Mönche, die im Mittelalter das übliche Gans-Essen mit der Bischofswahl Martins und jenen Gänsen, die einst den Angriff der Gallier auf das römische Kapitol durch ihr Schnattern verrieten, miteinander verbanden. Also wird ihr Verzehr als Strafe für den Verrat des Heiligen besungen. Die Gans wird erst erst im 16. Jahrhundert zum Mittelpunkt des Martinsmahles; vorher waren die Lieder und vor allem der Wein Ausdruck der Martinsfeierlichkeiten.

Ein Heiliger wie Martin ist ein Glücksfall, nicht nur für die Kirche. Er hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Der Schriftsteller Ernst Jünger schrieb einmal in sein Tagebuch: Die große Tat Martins bestand nicht darin, dass er half, sondern dass er sofort half. Heute scheint das vor lauter Abwägungen und Bedenklichkeiten eher schwierig zu sein.

 

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