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„Nehmt, esst und trinkt!" – Ignazio Silone, Wein & Brot

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Das Kirchenjahr im Spiegel der Literatur (2) – Fronleichnam

In seinem gleichermaßen sozialpolitisch engagierten wie von christlicher Symbolik durchdrungenen Roman „Wein und Brot“ (1936 / überarbeitet 1955) beschreibt Ignazio Silone das Wirken des sozialistischen Revolutionärs Pietro Spina, der aus dem Ausland wieder nach Italien zurück kommt und hier im Untergrund wirkt. In der Verkleidung eines Pfarrers trifft er auf eine gottesfürchtige Dorfbevölkerung. Der Tod des jungen Kommunisten Luigi Murica versammelt die Dorfgemeinschaft zu einem Totenmahl, das auf denkwürdige Weise an den Verstorbenen erinnert.

 

 

Der Vater nahm am oberen Ende des Tisches Platz, die anderen Männer setzten sich zu ihm. Verwandte aus einem Nachbardorf traten ein. Die Mutter sprach, wie es Sitte ist zum Lobe des verstorbenen Sohnes. […] Der alte Murica stand am oberen Ende des Tisches und ermahnte die Männer, die ihn umgaben, zu essen und zu trinken.

„Er war es“, sagte er, „der mir geholfen hat, das Korn zu säen, zu ernten, zu dreschen und zu mahlen, aus dem dieses Brot gemacht ist. Nehmt und esst. Es ist sein Brot.“

Andere Gäste traten ein. Der Vater füllte die Gläser und sagte:

„Er war es, der mir geholfen hat, die Weinstöcke zu beschneiden und zu schwefeln und die Trauben zu ernten, von denen dieser Wein stammt. Trinkt, es ist sein Wein.“

Die Männer aßen und tranken, manche von ihnen tauchten das Brot in den Wein.

Einige Bettler erschienen an der Tür.

„Lasst sie eintreten“, sagte die Mutter.

„Vielleicht sind sie hergeschickt worden, um zu spionieren“, sagte einer der Gäste leise.

„Lasst sie eintreten. Man darf nicht ängstlich sein. Manch einer, der die Armen speiste, hat Jesus zu Gast gehabt, ohne es zu wissen.“

„Esst und trinkt“, sagte der Vater. […]

Die Männer, die um den Tisch saßen, aßen und tranken.

„Bis das Brot entsteht, dauert es neun Monate“, sagte der alte Murica.

„Neun Monate?“ fragte die Mutter.

„Im November wird der Weizen gesät, im Juli wird er geerntet und gedroschen.“ Er zählte die Monate: „November, Dezember, Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli. Das macht genau neun Monate, von März bis November.

„Neun Monate“, wiederholte die Mutter. Das war ebenso lang, wie es dauert, bis ein Mensch entsteht. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht.

Neue Gäste traten ein, andere gingen fort, um ihnen Platz zu machen. Marta sagte zu der Mutter:

„Ich erinnere mich an die Zeit, als Luigi klein war und du mit ihm auf dem Arm spazieren gingst. Du kamst oft zu eurem Weinberg, und Don Benedetto sagte einmal, du seist wie ein Weinstock, und Luigi sei die Traube.“

(Ignazio Silone, Wein und Brot. Kiepenheuer & Witsch 1974, 309–310.) 

Etliche Bücher zu und von Ignazio Silone sind im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

 

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