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St. Martin und die „Vorweihnachtszeit“

„Der vorweihnachtliche Spaß beginnt am 11. November“ – „Lichterketten tauchten den Martinimarkt in eine vorweihnachtliche Atmosphäre.“

Es ist kaum mehr zu übersehen: Weihnachten steht vor der Tür – zumindest wenn man die Regale und Auslagen der Geschäfte betrachtet. Zwar macht sich dieses Phänomen schon seit September zunehmend bemerkbar, doch lässt sich als eigener Schwerpunkt wenige Wochen vor Beginn des Advents nochmals der Martinstag herausheben. Ja, es hat den Eindruck, als ob mit ihm die „Vorweihnachtszeit“ (wie man längst unter Hintanstellung des Begriffes Advent sagt) so richtig beginnt. Zwar war der Martinstag einmal Stichtag für eine „vorweihnachtliche“ Zeit, doch waren deren Anlass wie auch Ausprägung sehr verschieden von der heutigen.

 

Beginn einer „Quadragesima sancti Martini“

Erste Spuren einer solchen Vorbereitungszeit auf Weihnachten finden sich im gallischen und spanischen Raum: Nach dem Zeugnis Gregors von Tours (+ 490) in seiner „Historia Francorum“ kannte man in der gallischen Kirche eine Vorbereitung auf Weihnachten, die am Tag der „depositio domini martini“ (11. 11.) begann und ein dreimaliges Fasten in der Woche beinhaltete. Bestätigt und allgemein vorgeschrieben wurde dieses Fasten 583 vom Konzil von Macôn. Hier wurden auch die Tage des Fastens festgelegt: Montag, Mittwoch und Freitag.

Nach den Forschungen Josef Andreas Jungmanns steckt dahinter eine „Quadragesima sancti Martini“, die ursprünglich nicht auf Weihnachten am 25. 12., sondern auf Epiphanie am 6. 1. zielte. Quadragesima bezeichnet den Zeitraum von vierzig Tagen. Zählt man die Tage vom 11. November bis 5. Januar einschließlich, kommt man auf die Zahl 56, das entspricht acht vollen Wochen. Da in der gallischen Kirche (wie in den orientalischen Kirchen) die Samstage und Sonntage nicht als Fasttage galten, ergaben sich 16 fastenfreie Tage, somit also 40 Fastentage. Diese Fastenzeit als Vorbereitung auf Epiphanie sieht Jungmann als bewusste Parallele zur Osterquadragesima, galt doch das Epiphaniefest als zweiter wichtiger Tauftermin neben der Osternacht. Über die Form dieser Fastenzeit wissen wir nichts, vor allem nicht über die Liturgie.

 

„Der Umstand, dass diese Fastenruhe der Quadragesimalzeit nicht nur fröhliche Feste, sondern auch Rechtsgeschäfte ausschloss, ließ den letzten ihr vorausgehenden Tag im Mittelalter einerseits zu einem wichtigen Zinstermin und Markttag (mit Gesindewechsel) werden, andererseits zu einem beliebten Herbstfest, bei dem Gänse geschlachtet und verzehrt wurden“ (Dietz-Rüdiger Moser).. Der Martinsabend erschien als passender Abschluss vor der nun beginnenden Vorbereitungszeit, denn der hl. Martin war ein beliebter und viel gefeierter Heiliger.

 

Der Martinstag im „Schaufenster“

Von wirtschaftlicher Seite her betrachtet, fällt der Martinstag in die vorweihnachtliche Zeit. Schon im Zusammenhang mit Martinimärkten bzw. Martinsumzügen wird in den Zeitungen von „vorweihnachtlicher Atmosphäre“ gesprochen, zu der die üblichen Stimmungselemente beitragen: Lichterketten, Glühwein, der Duft gebrannter Mandeln etc. Der Martinstag als Stichtag für den Beginn eines „vorweihnachtlichen Spaßes“, wie zu lesen ist, verkehrt seine ursprüngliche Bedeutung indes genau ins Gegenteil. Die Martinimärkte, die in vielen Orten stattfinden, haben ihren Ursprung möglicherweise in einer Patroziniumsfeier. Häufig beruhen diese Veranstaltungen jedoch auf noch jungen Initiativen verschiedener Vereine und Verbände, werden aber sobald sie ein paarmal stattgefunden haben, gleichwohl als „traditionell“ bezeichnet. Gelegentlich organisieren Werbegemeinschaften die Martinimärkte. Kommerzielles Interesse steht dabei nicht selten im Vordergrund und wird geschickt mit „Tradition“ verknüpft.

 

Außer für den Marktbetrieb spielt der Martinstag vor allem eine Rolle in der Gastronomie, ja überhaupt der Nahrungsmittelbranche. Die „Martinsgans“ gehört zum festen Bestandteil der Speisekarten vieler Gaststätten und Restaurants in der Zeit vor nach dem Martinstag. In den Zeitungen wird eigens dafür geworben. Vermehrt werden, auch ohne direkten Bezug zum Martinsfest, in diesem Zeitraum Gänse und Gänsekeulen in den Anzeigen der Lebensmittelgeschäfte angeboten (mitunter allerdings auch schon als „Weihnachtsgans“). Die Martinsgans (erstmals 1171 in den Niederlanden bezeugt) ist das Symbol des Tages schlechthin. Sie kann auch einfach für den Martinstag stehen, ohne dass dabei an den Verzehr gedacht wird. Meist wird sie mit der Legende seiner Bischofswahl in Verbindung gebracht, die so freilich nicht historisch ist, aber ein bezeichnendes Licht auf den Heiligen wirft. Die Bäckereien bieten Martiniwecken, Martinshörnchen und ähnliches Gebäck (Weckmänner) an was zumeist etwas im Zusammenhang mit Martin symbolisieren soll (Martinshörnchen als Hufeisen des Pferdes). Dass Martin bei der Mantelteilung – gegen die Aussagen seiner Lebensbeschreibung – auf einem Pferd sitzend dargestellt wird entspricht wohl der Tradition byzantinischer Soldatenheiliger. Die Weckmänner mit ihrer Pfeife im Arm werden als Bischofssymbol gedeutet, wobei aus dem Bischofsstab die umgedrehte Pfeife wurde; dieses „Festtagsgebäck“ begegnet auch an Nikolaus. Zu den Attributen und Symbolen des Martinstages, mit denen geworben wird, gehören auch die Laternen; sie weisen nicht unbedingt auf den Martinstag, da Laternenumzüge ohnehin in der dunklen Jahreszeit gehalten werden. Allerdings ist die „Martinslaterne“ sprichwörtlich und findet bei Martinsumzügen ihre hauptsächliche Verwendung. Möglicherweise nahm sie ihren Ursprung aus der Liturgie: Die Perikopenordnung des Missale von 1570 schrieb für den Martinstag den Abschnitt Lk 11,33-36 vor: „Niemand zündet eine Lampe an und stellt sie in ein Versteck oder unter den Scheffel.“ Das Motiv der Lampe klang auch an in der achten Lesung der Matutin des Breviarium Romanum: „Dieses ist die Lampe, die angezündet wird, die Tugend unseres Geistes und Sinnes.“ - Es sind vor allem Attribute und Symbole, die aus der Lebensbeschreibung des Heiligen stammen (Bischof) bzw. der Legende (Gans; Pferd). Die Laterne entstammt dem Martinsbrauchtum, weist aber vielleicht auch auf die Liturgie zurück.

So bedauerlich es ist: man wird die Vermarktung des hl. Martin (wie, mehr noch, des hl. Nikolaus) kaum vermeiden können. Wichtig erscheint dann aber die Hinführung Wesen und Bedeutung des Heiligen in Liturgie, Brauchtum und Katechese. Hilfreich kann dabei eine kurze Darstellung seines wechselvollen und auch für heutige Menschen interessanten Lebens sein, die sich nicht auf die Mantelteilung beschränkt.

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