Rauchen, Essen, Tumultieren


Literarisches

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 In den Kirchen Spaniens gibt es nur an den Seitenwänden Bänke für kranke und schwächliche Personen; alle Übrigen knieen größtentheils auf Strohmatten; die Männer legen sich auch wohl ihre Mäntel unter, und die Frauen kauern mit untergeschlagenen Füßen neben einander. Auf den Kanarischen Inseln kauern die Frauen niederen Standes; die vornehmeren Damen lassen sich von ihren Dienern Stühle in die Kirche nachtragen, und die Männer lehnen sich, in den Mantel gehüllt, an die Mauern und Pfeiler, und rauchen auch wohl, wenn es unbemerkt geschehen kann, ihre Cigarren, während die ganze Messe hindurch Kinder und Hunde in der Kirche herumlaufen.

Heinrich Alt, Der christliche Cultus nach seinen verschiedenen Entwickungsformen und seinen einzelnen Theilen historisch dargestellt, Berlin 1843.

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Im Münster sah es entsprechend aus. Man konnte da nicht selten weltliche Herren, ja die Mitglieder des Hochstiftes in Jagdkleidern, den Falken auf der Faust, mit einer Meute von Hunden erblicken. Die Richter, denen ein besonderer Platz reserviert war, gaben da den Bürgern Audienz und sprachen Recht. Man spazierte und plauderte selbst während des Chordienstes. Um den Umweg zu sparen. wurden Lasten jeder Art, selbst junge Schweine durch die Kirche getragen. 

 

Theodor Dreher: Das Tagebuch über Friedrich von Hohenzollern, Bischof von Augsburg (1486–1505), historisch erläutert und zum Lebensbilde erweitert. Sigmaringen 1888.

 

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Obwohl ich in meiner Heimatpfarre Ministrant war, keinen Sonntag und keinen Feiertag ohne Kirchenbesuch verstreichen ließ, an vielen Gebetsstunden, vor allem Totenwachen teilnahm, ging ich später zu keinem Schulgottesdienst der Welser Vorstadtpfarre mehr, nachdem ich dort einmal das für mich völlig inakzeptable Benehmen der Schüler, die in den Kirchenbänken rempelten und sich eher wie auf dem Fußballplatz aufführten, erlebt hatte. Und ich will auch heute von meinen Söhnen nicht hören und erzählt bekommen, wie sich wieder einige beim Eröffnungsgottesdienst aufgeführt haben. Schade um die vertanen Gelegenheiten, sich zu sammeln, ruhig zu werden, die Heiligkeit des Sakraments zu erleben, der allgegenwärtigen Banalität zu entfliehen … All das vergönnen jene Störenfriede weder sich noch anderen, denen sie Andachtsfreude verderben und vergällen.

Es gibt viele religiöse und auch praktische Gründe für gutes Benehmen in der Kirche! Das gälte meiner Ansicht nach nicht nur für das Kirchenbesuchen, sondern auch für das Kirchebesichtigen. Ich würde, wäre ich Rektor einer wertvollen Kirche, von den Besuchern weniger Eintrittsgeld verlangen, als vielmehr eine Aufnahme- oder Einlaßprüfung. Wer die Kirche betritt, müßte etwa bei einem Ostiarier die Kenntnis jener fünf Gebete der Christenheit, die im Weißenburger Katechismus aus dem 9. Jahrhundert zusammengefaßt sind, nachweisen. Ob einer nun das Athanasianische, das Apostolische oder das Niceno-Constantinopolitanische Credo oder Symbolum aufsagen oder beten möchte, würde ich dahingestellt sein lassen. Aber so ganz ohne Anstrengung sollte man ein Gotteshaus nicht betreten dürfen.

Alois Brandstetter, aus: Schönschreiben (Salzburg und Wien 1997, 101)

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