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Weihnachtslieder im Gotteslob

Man muss es so sagen: Die Liedauswahl für Advent und Weihnachten im Stammteil des neuen Gotteslobes ist enttäuschend. Für ein Gesangbuch aus dem Jahr 2013 hätte man etwas anderes erwartet. Die wenigen neuen Lieder lassen sich an einer Hand abzählen. Gemeint sind damit Lieder aus neuerer Zeit. Im Bereich „Weihnachten“ stammt der „neueste“ Text von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938 (GL 254 „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit“); das Lied ist freilich so speziell, dass es kaum in der Heiligen Nacht, in die es eigentlich gehört, gesungen werden wird. Das ist insofern traurig, als es ja durchaus neuere Lieder gab und gibt. Dabei geht es nicht um die Frage des Datums.

 

Nicht nur einst und dort: Betlehem ist überall

Die weihnachtlichen Lieder spiegeln in ihrer Geschichte auch die facettenreiche Bedeutung dieses Festes wider. Gerade die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte aber eine ganz wichtige Sicht auf das weihnachtliche Geschehen, nämlich dass Weihnachten eigentlich ein revolutionäres Fest ist. Weihnachten bedeutet: Gott wird Mensch, der „Schöpfer aller Ding“ wird geboren, der von Ewigkeit her Seiende ein kleines Kind; die Erniedrigten werden erhöht, die Menschen erhalten Anteil an der Würde Gottes. Die Feier dieser eigentlich nur im Paradox auszudrückenden Botschaft darf sich nicht auf die Betrachtung des Einst und Dort beschränken, die Botschaft vom ganz anderen Gott muss immer wieder auch umgesetzt und in Bewegung gebracht und aktualisiert werden: Betlehem ist immer und überall.

Sage, wo ist Betlehem, wo die Krippe, wo der Stall?
Musst nur sehen, musst nur gehen – Betlehem ist überall.

Sage, wo ist Betlehem? Komm doch mit, ich zeig es dir!
Musst nur gehen, musst nur sehen – Betlehem ist jetzt und hier.

Sage, wo ist Betlehem? Liegt es tausend Jahre weit?
Musst nur gehen, musst nur sehen – Betlehem ist jederzeit.

dichtete Rudolf Otto Wiemer 1975. Ähnlich wird in anderen Liedern dieser Zeit gesungen: „Jesus ist geboren in Betlehem und überall …“ – „Jesus war in Betlehem, Jerusalem und Jericho – heut ist er in aller Welt, an diesem Ort und anderswo.“ Die Krippe und der Stall als Ausdruck der menschlichen Not sollen daher nicht nur in den Kirchen aufgesucht und besichtigt werden, Weihnachten bedeutet, zu den Ställen, d. h. der Not unserer Zeit zu gehen und dort den zu finden, dem die menschliche Not nicht fremd war, wie es Josef Reding in einem Lied ausdrückte:

Geht zu den Ställen heute Nacht, wagt neue, unbekannte Schritte!
Sucht den, der allen Frieden macht und der die Liebe trägt zur Mitte.

Geht zu den Armen heute Nacht, die nirgends ein Zuhause haben!
Verlasst den Glanz, kommt aus der Pracht und bringt den Hungernden die Gaben.

Geht zu dem Kinde heute Nacht, dem weder Bett noch Tisch zu eigen!
Geht zu dem Kinde heute Nacht. Es wird euch Gottes Antlitz zeigen.

 

Krippe nicht als Ziel, sondern als Impuls

Es ist eine Fortführung des alten franziskanischen Ideals, Christus im Armen zu begegnen, wie es ja die Krippe im Wald zu Greccio ausdrücken wollte. Gleichzeitig wird aber die Gefahr einer reinen Krippenfrömmigkeit durchbrochen, indem der Blick auf jeden Ort gelenkt wird, der die Bedürftigkeit zeigt. Die Krippe und Weihnachten, das wurde in den neuen Lieder sehr deutlich, sind nicht Ziel der Frömmigkeit, sondern ihr Impuls, ihr Handlungsauftrag; sie dienen nicht der Schau, sondern der Sendung: Dort, dann und dazu ist Christus geboren, wo, wenn und dass Menschen nach seiner Botschaft zu handeln beginnen (Kurt Rommel):

Wer kann mir sagen wo (wann; wozu) Jesus Christus geboren ist?
Dort (Dann; Dazu) ist Christus geboren,
wo (wenn; dass) Menschen beginnen, menschlich zu handeln,
und sich besinnen, die Welt zu verwandeln.
Dort (Dann; Dazu) ist Christus geboren.

 


Uns ist ein Licht aufgegangen – wir folgen ihm!

Und dieses Evangelium verpflichtet, es gibt kein Zurück mehr. In einem etwas anderen Weihnachtslied hat der Theologe und Dichter Wilhelm Willms diese Unumkehrbarkeit ausgedrückt. Anders ist dieses Weihnachtslied auch deshalb, weil weder der Stall noch Betlehem, nicht Maria und Joseph, keine Hirten und Engel vorkommen, so dass man sich schon fragen kann, ob es überhaupt eines ist. Doch es sind nicht nur die Stichworte Licht, Stroh und Kind, die diese Frage bejahen lassen.

Uns ist ein Licht aufgegangen, ihm folgen wir
wir haben Lunte gerochen im leeren Stroh.

… wir haben Brücken gesprengt, nicht mehr zurück.

… wir haben den Stab gebrochen über uns selbst.

… uns sind die Augen aufgegangen über dem Kind.

Man mag an die Weisen aus dem Morgenland denken, denen „ein Licht aufging“, und die sich daraufhin – sie hatten „Lunte gerochen“ – auf den Weg machten, dem Licht folgten. Sie fanden das Kind in der Krippe; doch wenn wir nach Betlehem gehen, kommen wir zu spät, das „Stroh ist leer“: Christus muss anderswo gefunden werden.

Wer dem Licht folgt, für den geht der Weg nur noch nach vorn, zum alten Leben werden „Brücken gesprengt“: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes, sagt es Jesus selbst (Lk 9,62).

Gottes Barmherzigkeit lässt sich finden, wenn man bereit ist, „den Stab zu brechen“ über sich selbst und nicht über andere. Wenn einem „die Augen aufgehen“, dann weiß man Bescheid. Da erfährt man etwas, was vorher nicht so erkannt wurde. Als die Jünger in Emmaus einkehrten und ihnen der unbekannte Wanderer das Brot brach, „da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“ (Lk 24,31).

Das also ist die Botschaft dieses Liedes: Wenn wir bereit sind, dem Licht der Erkenntnis Gottes zu folgen; wenn wir uns auf den Weg machen auf die bloße Hoffnung und den schieren Glauben hin; wenn wir bereit sind, nach vorn zu gehen und nicht wehmütig zurückblicken; bereit umzukehren, wo wir falsch laufen – dann, ja dann werden uns einmal die Augen aufgehen und wir werden den Herrn in seiner Herrlichkeit schauen – vielleicht nicht in Betlehem, aber hier und jetzt.

 

„Vor deiner Krippe gähnt das Grab“

So spiegelt das Liederangebot im Gotteslob zu Weihnachten (anders an „Erscheinung des Herrn“) auch das retardierende Moment in der Liturgie der letzten Jahre. Man begnügt sich damit, an der Krippe anbetend stehenzubleiben. Der Impuls, mit der unerhörten Botschaft hinauszugehen, ja zu handeln, wurde unterdrückt. Angesichts der erschütternden Ereignisse auch in diesem Jahr mit Kriegen, Seuchen, menschenverachtendem religiösem Terror, mit zahllosen Toten, Flüchtenden, entwurzelten und todkranken Menschen, die alle auch die Not der ersten Weihnacht widerspiegeln, bleiben wir musikalisch dem eher Idyllischen verhaftet: „Ihr Kinderlein kommet …“ (GL 248) Beschämend. Einzig Jochen Kleppers Lied könnte diesen falschen Glanz entlarven – wer wagt es?

Guido Fuchs

Vgl. dazu
Guido Fuchs,
Unsere Weihnachtslieder und ihre Geschichte,
Freiburg i. Br. 2009

 

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