Veranstaltungsberichte


Symposium 
Gebrochene Präsenz – Spuren von Eucharistie und Abendmahl im kulturellen Gedächtnis
von Nicole Wilk

aus: Zeitschrift für Semiotik, hrsg. von Roland Posner in Verbindung mit Martin Krampen, Bd. 28, Heft 24, Tübingen 2006, 463–465

Mithilfe eines Wortspiels, in dem das Ritual des Brotbrechens, aber auch die Gebrochenheit der eucharistischen Tradition anklingen, warf das eintägige Symposium "Gebrochene Präsenz – Spuren von Eucharistie und Abendmahl im kulturellen Gedächtnis" am 17. Februar 2006 in der Domäne Marienburg der Universität Hildesheim einen kritischen Blick auf ein ganz besonderes christliches Ritual. "Ist die Präsenz der kirchlichen Mahlfeier in der Gesellschaft gebrochen, ja sogar abgebrochen?" fragte gleich zum Auftakt Prof. Dr. Wolfgang Werner, Leiter des Instituts für Katholische Theologie der Universität Hildesheim, die das Symposium in Zusammenarbeit mit dem Hildesheimer Institut für Liturgie- und Alltagskultur veranstaltete. Werner eröffnete damit eine Suchbewegung nach einer Vielzahl von häufig unreflektierten Spuren der zentralen christlichen Feier im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart. Vier Referenten gingen anschließend verschiedenen kulturgeschichtlichen Verarbeitungen des Motivs in Literatur, Werbung, Kulinaristik und Film nach. Semiotische "Brechungen", d.h. Übertragungen, Symbolisierungen und Medienwechsel spielten bei dieser Suche nach säkularisierten Elementen der Brot-und-Wein-Substantiation eine wichtige Rolle. Ein signifikantes Übertragungsmoment thematisierte der Medienreferent im Bistum Hildesheim, zugleich stellvertretender Vorsitzender der Katholischen Filmkommission für Deutschland Wolfgang Hußmann in seinem Referat über "Eucharistische Motive in Filmen der Gegenwart". Er griff dafür eine Szene aus dem Hollywood-Film "Besser geht’s nicht" auf, in der der zwanghafte Schriftsteller Melvin Uldall gespielt von Jack Nicholson außer sich gerät, als er in seinem Stammlokal eines Mittags von einer ihm fremden Frau bedient wird. Seine Rage darüber zeigt etwas an. Sie zeigt, dass die zeichenhafte Umgebung des Mahls, d.h. die Worte, die gesprochen werden, die Personen, die daran teilnehmen, das Ambiente, der Ablauf etc. für die "Sättigung" noch viel entscheidender sind als die bloße Substanz der Nahrung. Zur körperlichen Sättigung tritt die Befriedigung durch ein kulturstiftendes Ritual hinzu. Nahrung wird zur "Speise"; es entsteht ein Zeichenprozess, aus dem verschiedene Formen und Erfahrungen von Identität als Signifikate hervorgehen. Genau das ist die Erfah-rung in der christlichen Eucharistie: die Erfahrung Gottes, die Erfahrung der Präsenz Christi im eucharistischen Abendmahl, wie Dr. Guido Fuchs, apl. Prof. am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Würzburg und stellvertretender Institutsdirektor der Deutschen Akademie für Kulinaristik in seinem Referat "Christsein heißt… miteinander essen. Akzente christlichen Mahlhaltens im Alltag" hervorhob. Er forderte dabei nicht nur, christliches Essen und Trinken als gemeinschaftskonstituierende "Gegenzeichen" zur Fastfood-Kultur aufrechtzuerhalten bzw. zu etablieren, sondern machte darüber hinaus den Zusammenhang zwischen dem Sa-krament und den christlichen und nicht-religiösen Varianten westlicher Nahrungskultur deutlich, die insgesamt stark an Simmels klassische Analyse der Mahlzeit als gemeinschaftsstiftende Institution erinnerten. Und doch nehmen an der kirchlichen Mahlfeier immer weniger Menschen teil. Wie die Tagungsbeiträge belegten, zeichnet sich hier nicht so sehr ein allmähliches Abreißen einer althergebrachten Tradition ab. Vielmehr hat sich die magische Aufladung von Brot und Wein im Zuge eines medialen und gesellschaftlichen Wandels verschoben – eine Entwicklung, die die Eucharistie für die Semiotik außerordentlich interessant werden lässt.   Frappierende Analogien von der traditionellen Eucharistie-Feier zu kommerziellen Medieninszenierungen präsentierte auch Dr. Gerd Buschmann, Akademischer Oberrat an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, indem er das Abendmahl im Spiegel von Werbeanzeigen betrachtete. Anhand einer Reihe von Adaptionen des "Letzten Abendmahls" von Leonardo da Vinci (1495-98) gelangt er zu der Einschätzung, dass Werbung mehr und mehr religiöse Funktionen übernimmt, die einst der Religionsgemeinschaft zukamen. Im Mittelpunkt der Werbeszenen von Otto Kern (Jeans), McDonald’s (Burger), Montana (Möbel) sowie der Wirtschaftswoche (Wochenzeitung) stehen laut Buschmann Marken, die eine Gemeinschaft beschwören, aus der immer schon konstitutiv jemand ausgeschlossen ist (soziale Distinktion). Buschmann erinnert in diesem Zusammenhang an das Neue, Revolutionäre der Da-Vinci-Darstellung, nämlich dass sie Jesus in diesem dramatischen Augenblick der Namensnennung dessen, der ihn verraten wird, in völliger Gelassenheit auch ganz ohne Heiligenschein zeige. Die Angst, nicht dazuzugehören ("Herr, bin ich es?"), ist für Christen und Konsumenten gleichermaßen Movens der religiösen bzw. kultisch-magischen Handlung. Sind also indes Warenhäuser die Kirchen von heute?   Wenn konsekriertes Brot kein "sprechendes Symbol" mehr ist, so die These von Prof. Dr. Georg Langenhorst, stellt sich die Frage, ob nicht Konsum- und vor allem die neueren Convenience-Produkte und Gesundheitslebensmittel den identitätsstiftenden Ritus ersetzen? Langenhorst, Lehrstuhlinhaber für Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, arbeitet in seinem Vortrag "’Tut das zu meinem Gedächtnis’. Brot und Wein als Motiv der Gegenwartsliteratur" heraus, dass die Konsumsemiose mit dem eucharistischen Ritual nicht nur die sinnstiftende Funktion teilt, sondern auch den Glauben an jene "kühnen Unwahr-scheinlichkeiten": die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi in der Eucharistie und die Verwandlung von Speisen und Getränken in Images und Ich-Ideale in den Massenmedien.  Symboldidaktisch fragte Langenhorst darüber hinaus nach dem Umgang mit eucharistischen Elementen von der Hostie über den Messwein bis zur Tischgemeinschaft. Sie fungierten als Tröster, die "eine verlorene Welt" symbolisieren und in Anlehnung an ein Gedicht von Gottfried Benn ein stabil sozialisiertes "Verlorenes Ich" (1940) betrauern.  Die eucharistische Motivgeschichte, die Langenhorst bei Novalis, Hölderlin und Rilke nachzeichnet, findet im 20. Jahrhundert ein jähes Ende und weicht einer Melancholie, in der der Einverleibungszauber des Abendmahls auf diverse Snackkulturen der Gegenwart überspringt. Der Magen als Medium der Verdauung erweist sich hier einmal mehr als seismographisches Organ. Aus sozialpsychologischer Sicht bezeichnet Fuchs es in diesem Zusammenhang  als fatal, die Tischgemeinschaft als Erzählgemeinschaft zu verabschieden und an ein "Tafelfernsehen" abzugeben. Entsinnlichung vom realen Zubereiten, Kochen und Genuss ist hierbei aus semiotischer Sicht eine Folge der Arbitrarisierung des Nahrungsrituals: die Verbindung zwischen Inhaltsstoffen, Geschmack und Symbolwert (Erfolg, Fitness, Anti-Age-Effekt) erweist sich als zunehmend willkürlich und re-metaphorisiert (Obstaroma verleiht Süßigkeiten den Eindruck von Frische). Das Benedictio Mensae, das Tischgebet, weicht den Neuigkeiten des "Frühstückfernsehens", die Lobpreisung Gottes der dinglichen Seg-nung marktvermittelter Artefakte, so das Fazit von Buschmann und Fuchs. Als Desiderat erscheint am Ende dieser Tagung, die Codierungen der Eucharistie und ihrer massenmedialen Spielarten in ihren sozialdiagnostischen Qualitäten noch genauer zu bestimmen, um dem Stand der augenblicklichen kulturellen Entwicklung, ihrer Chancen (Differenzierung) und Risiken (Regression), weiter auf die Spur zu kommen. Nicole M. Wilk, Universität Hildesheim

 


 "Gesegnete Mahlzeit" – Musikalischer Themenabend