Umsteigen mit Genuss

Restaurant des Frankfurter Hauptbahnhofes um 1900

Bahnhöfe und ihre Gaststätten sind als vorläufige Orte Räume voller Symbolik. Sogar etwas Wundervolles, Überirdisches können sie andeuten: Schon Gilbert Keith Chesterton verglich Bahnhöfe mit Kathedralen, er verwies auf ihre großen Bögen, auf die Kuppeln, die farbigen Lichter und vor allem auf die Wiederkehr bestimmter Rituale. Ein Bahnhof sei der Zelebration von Wasser und Feuer geweiht, die ursprünglichen Elemente jeder menschlichen Zeremonie. In Franz Werfels Roman Der veruntreute Himmel (1939) kommt der einfachen Köchin Teta Linek das Hinaufsteigen über die scala regia des Vatikans so vor, „als ginge sie durch die endlosen Gänge, Treppenhäuser, Wartehallen eines gewaltigen Bahnhofs. Dieser Bahnhof aber war auf irgendwelche Weise schon in den Himmel eingesprengt.“ Und in einer russischen Erzählung erscheint einem verstorbenen Reichen der Himmel wie „ein Büfett voll Speisen und Getränke, Schnäpse und Imbisse, genau so wie im Wartesaal einer großen Bahnstation“. Der religiöse Bezug kommt nicht von ungefähr; „als Zufluchtsstätten, die immer offenstehen, haben die Bahnhöfe, Kultstätten für den Gott des Wartens, die Kirchen abgelöst”, schreibt Peter Utz mit Blick auf Kurt Guggenheims Roman „Der goldene Würfel“.

Jeder Bahnhof hatte früher eine Bahnhofsgaststätte, manchmal auch mehrere, in Klassen unterteilt. Es gab legendäre Speisekathedralen darunter wie auch kleine Schankstüberl, in denen sich gemütlich sitzen ließ. Viele wurden in den letzten Jahren abgerissen, umgebaut, wichen Schnellrestaurants oder Snackpoints. – Doch in der Literatur leben sie noch fort, werden Bahnhofsrestaurants, -buffets und -cafés als Orte kulinarischen Genusses (oder zumindest eines späten Bieres) beschreiben – aber auch der frohen Begegnungen und traurigen Trennungen, der heimatlichen Sehnsüchte und heimlichen Fluchten, vieler kleiner Begebenheiten und besonderer Ereignisse, die man heute, da man mit dem Coffee-to-go durch die Bahnhofshalle stürmt, kaum noch erleben kann.

Die angezeigte Anthologie widmet sich der leider weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwundenen Bahnhofsgaststätte – mit ihren vielen Aspekten, wie sie in Romanen, Erzählungen, Geschichten und Gedichten der letzten knapp zwei Jahrhunderte begegnen. Auf unterhaltsame und informative Weise werden sie in „zwölf Gängen“ als literarisches Menü serviert.

Mit Texten von: Heinrich Böll, Hans Fallada, Gertrud Fussenegger, Günter Grass, Gerhart Hauptmann, Herta Müller, Walter Kempowski, Trude markig, Sten Nadolny, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Paul Ringelnatz, Joseph Roth, Lew Tolstoi, Robert Walser, Franz Werfel … und vielen anderen.

Guido Fuchs (Hg.)

In der Bahnhofsgaststätte

Ein literarisches Menü in zwölf Gängen

260 Seiten | Klappenbroschur

Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2018

ISBN 978-3-947066-65-0

15,00 € (D)

Erhältlich in jeder Buchhandlung oder www.verlag-monikafuchs.de

 

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