Francine Prose | Völlerei. Die köstlichste Todsünde

Francine Prose,
Völlerei
Die köstlichste Todsünde

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009,
kart., 94. Seiten, 20 s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-8031-2624-5

„Gluttony“ lautet der Titel dieses Büchleins im Original, mit dem Untertitel „The Seven Deadly Sins“. Der im Verlag Klaus Wagenbach gewählte Untertitel „Die köstlichste Todsünde“ führt da doch – womöglich bewusst? – in eine etwas andere Richtung (man fühlt sich erinnert an eine Werbung für ein Eis mit den Namen der sieben Todsünden vor einigen Jahren). Das ist aber gar nicht Ziel der Autorin. Sie stellt in diesem Büchlein in essayistischer Weise die Einschätzung und Begründung der Völlerei als Sünde dar: Immer wieder greift sie dabei auf ein Wort Gregors des Großen zurück, der gleichsam die Grenzüberschreitungen der Gaumenlust skizziert hat: Wenn sie dem Bedürfnis vorgreift, zu erlesene Speisen fordert oder eine extravagante Zubereitung; wenn das notwendige Maß der Speisen überstiegen wird oder jemand unermesslich viel isst: „Zu früh, zu erlesen, zu teuer, zu viel, zu gierig.“ Die ersten drei Grenzüberschreitungen sind bei uns inzwischen gang und gäbe und auch durchaus beabsichtigt, nur mehr die beiden letzten würden wir noch mit „Völlerei“ assoziieren.
Man darf freilich den monastischen Hintergrund dieser Quasi-Definition nicht aus den Augen verlieren, und natürlich nicht das einer als dekadent empfundenen Gesellschaft entgegengestellte Ideal christlicher Mäßigung (die auch durchaus in den ersten Jahrhunderten zum Selbstschutz der Gläubigen beitrug). Erst die zunehmende Angleichung an diese Gesellschaft fördert das Mönchtum und seine oft radikalen Ansichten, die zwar auch kirchlich prägend wurden, aber nie allgemein rezipiert.
Die geistliche Einschätzung der Völlerei ist heute abgelöst von der Vorstellung einer körperlichen Gefahr der von ihr genährten Fettleibigkeit, die zudem auch noch optisch – durch Nicht-Einhalten der von unserer westlichen Gesellschaft gesetzten körperlichen Standards – als unerträglichen Zumutung erscheint und medizinisch-volkswirtschaftlich höchst bedenklich ist. Wer so gegen den Gott der Ästhetik, der Gesundheit und des Wohlstandes verstösst, ist eben doch ein Sünder. Ein „gesünderes Sündigen“ wird da von Fernseharzt Hademar Bankofer empfohlen – denn die Völlerei an sich hat ja für viele heute durchaus ihren köstlichen Charme …
Auch Francine Prose kann ihr etwas abgewinnen: So mancher Gierschlund zeige doch in seinem Zugriff auf die Speisen zumindest Lebenskraft und Appetit – wie der Vater in Walter Kempowskis Familien-Chronik „Tadellöser & Wolff“, der sich übervolle Gabeln („Der Mensch – übe sich – in Enthaltsamkeit“) in den Mund schaufelt, von der Mutter heimlich bewundert: „Einmal mit solchem Appetit essen wie mein Mann … wie isser bloß gesund …“

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