Wolfgang Vorländer | Vom Geheimnis der Gastfreundschaft.

Wolfgang Vorländer

Vom Geheimnis der Gastfreundschaft.

Brunnen-Verlag
Gießen 2007
Brosch. 112 S., 9,95 Euro
ISBN 978-3-7655-1399-2

 

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ Die Mahnung des Hebräerbriefes (Hebr 13,2) ist ein kluger Rat: Gastfreundschaft basiert nicht nur auf Nächstenliebe oder Philanthropie, die den Fremden, den potenziellen Feind, als Freund behandelt – in der Begegnung mit dem Anderen lässt sich eine „win-win-Situation“ anstreben. Gastfreundschaft kann nämlich bereichern, den Gast wie den fremden Freund. Mitunter kann sie sogar zur Begegnung mit dem Göttlichen führen …

Wolfgang Vorländer, evangelischer Theologe, Pfarrer und Publizist, führt nach einer „Einstimmung“ in die Bedeutung der Gastfreundschaft die Leser seines Buches im I. Teil zunächst zu den „spirituellen Quellen“ in der Antike zurück, zeigt an verschiedenen biblischen und kirchlichen Beispielen die religiöse Bedeutung der Gastfreundschaft auf: Abrahams Bewirtung der drei Männer etwa zeigt eine Form von Spiritualität im Umgang mit Menschen, worin Gott selbst erfahren wird; die Gastfreundschaft Gottes, wie sie Jesaja beschreibt, wird im Wirken Christi zum Vorausbild des Reiches Gottes; eine Kirchenordnung aus dem 5. Jahrhundert beschreibt die Verbindung von Bethaus (Kirche) und Gasthaus (Hospiz), in dem der Gäste-Diakon wirkt wie im Gottesdienst; in der Mönchsregel des Benedikt von Nursia schließlich wird der Fremde wie Christus selbst empfangen, er wird bewirtet mit Gebet, Speise und Trank.

Nach der Gastfreundschaft in der postmodernen Welt fragt Teil II des Buches. Wenn es im Austausch mit fremden Menschen und Kulturen nicht nur um Multi-Kulti-Parolen gehen soll, bedarf es auch hier einer Einstellung, die auf einem Wissen um die tiefere, religiöse Bedeutung der Gastfreundschaft basiert. Dies betrifft auch die Gastfreundschaft in den Familien; zu ihr macht Vorländer den (erprobten) Vorschlag, über die Bewirtung hinaus mit den Gästen auch gemeinsam zu kochen. Wichtiger aber als noch so gute Gerichte ist jedoch die Zeit füreinander, das Zuhören können. Die Begegnung, die den Anderen in einer Art Demut annimmt, sollte auch die Gastfreundschaft im Arbeitsleben prägen; Managerkurse nehmen in diesem Sinn zunehmend Impulse aus dem religiösen und monastischen Leben auf.

Der III. Teil des Buches wagt einen Ausblick auf die Zukunft: Wie wird sich Kirche in den kommenden Jahren und Jahrzehnten darstellen? Da sich ihre Form immer mehr hin zu Netzwerken und personalen Beziehungsfeldern sowie geistlichen Zentren verlagern wird, bekommt die Gastfreundschaft nochmals eine wichtige Bedeutung, wird zum fundamentalen Muster von Kirche. Unter anderem träumt Vorländer von einer gastlichen Kirche, neben deren einladenden Kirchenraum sich auch ein „Gasthaus“ befindet, das aber über die üblichen Gemeinderäume hinausgeht, Räumlichkeiten, wo „Leben wohnt und Leben gefördert wird“, wo Menschen bewirtet werden, Rückzugsmöglichkeiten haben. Hier kann der „Küster“ zum „Erzdiakon“ nach antikem Vorbild werden, der nicht nur den Gottesdienst im Blick hat, sondern nebenan und nebenbei die Beziehung der Menschen fördert.

Eine sympathische Vision, ansprechend geschrieben. Mancherorts ist diese Vision ansatzweise verwirklicht, vielfach wird sie weiterhin lange Traum bleiben. Offene, gastfreundliche Kirchen sind auch problematisch geworden in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt, weil viele Menschen das Heilige, das sie repräsentieren, nicht mehr als solches erkennen. Hier stoßen zwei Prinzipen aufeinander: das Ausgegrenzte (Heilige) und das Offen-Gastliche (vgl. Joh 1,39). An der Wahrnehmung beider muss gearbeitet werden.

Guido Fuchs

 

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