„Für das Lamm des armen Mannes“

Das Kirchenjahr im Spiegel der Literatur (1)
Guter-Hirte-Sonntag (4. Sonntag der Osterzeit)

Das griechische Wort „kalos“ (= schön, gut) in Jesu Selbstbezeichnung als guter Hirte (Joh 10,11) deutet auf eine innere Schönheit; die sich nicht nur mit „gut“, sondern auch als „ehrenhaft“ verstehen lässt. In der Alten Kirche wurde dieser Begriff möglicherweise auch als ein Hinweis auf die äußere Schönheit Christi verstanden; die frühchristlichen Darstellungen des „Guten Hirten“ zeigen „gemäß der paganen Tradition einen jugendlichen, schönen Hirten, der als Christus in seiner Funktion als Retter und Spender himmlischen Friedens zu deuten ist“ (Katharina Bracht). Äußere Schönheit freilich als Spiegel des Wesens, das im Einsatz Jesu für die Seinen zu Tage tritt.

Eine wunderbare literarische Hinführung dazu findet sich in einem kleinen Büchlein, das der ostpreußische Schriftsteller Ernst Wiechert 1935  herausbrachte und das den Titel trägt: „Hirtennovelle“. Sie handelt von Michael, „einer Witwe Sohn“, der bereits als Zwölfjähriger zum Dorfhirten wird. Mit großer Würde führt er, begleitet von seinem Hund, täglich die Tiere des Dorfes auf die Weide am Wald, darunter auch den einzigen Stier, „Bismarck“ genannt, den Stolz des Dorfes und seines Schulzen. Als Michael eines Tages mit dem ebenfalls jungen Hirten eines anderen Dorfes um die Nutzung der Weide kämpfen muss, greift er, wie sein alttestamentliches Vorbild David, zur Schleuder und besiegt den größeren und stärkeren Jungen, der ihn danach nicht mehr bedrängt. Erst mit der Zeit spricht sich dieses Ereignis im Dorf herum, und das hat nun, neben dem Stier, noch eine Besonderheit, auf die es stolz sein kann. Achtung, Zuneigung und Liebe begleiten Michael fortan, auch die seiner Kameraden, die noch auf der Schule sind.
Aber allmählich gerät das ostpreußische Dorf in den Sog des Weltkriegs. Die Dorfgemeinschaft sucht angesichts russischer Bedrohung ein Versteck im Wald, das ihnen Michael weist. Und während die russischen Reiter sich schon nähern, läuft ein Lamm aus dem Versteck auf die Wiese und droht sie dadurch alle zu verraten. Statt in Sicherheit zu bleiben, geht Michael dem Lamm nach, das die Russen entdecken und requirieren wollen, und vertei­digt es mit seinem Leben.
Sein alter Lehrer hält am Grab eine ergreifende Rede: Nicht für das Vaterland sei Michael gestorben, sondern für das Lamm des armen Mannes, von dem schon in der Bibel geschrieben stehe. Aber in diesem Lamm seien alle Vaterländer und Kronen beschlossen, denn keinem Hirten könne Größeres beschieden sein als der Tod für das Ärmste seiner Herde.
Wer sich die Erzählung nicht antiquarisch über ZVAB.com bzw. booklooker.de bestellen mag, findet sie auch im Internet auf der Website des Schriftstellers: http://www.ernst-wiechert.de

Vgl. dazu auch http://tadzios-brueder.de/braeunlich-und-schoen-der-hirtenknabe/

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