„Wachsen auf dich hin“ – Zum Lied „Das Jahr steht auf der Höhe“
Es gibt Lieder im Gotteslob, die kann man nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten im Jahr singen – zu anderen Zeiten wirken sie verfehlt. Dazu gehört auch „Das Jahr steht auf der Höhe“ von Detlev Block (GL 465). Es
thematisiert die Jahresmitte, die Tage, an denen „die große Waage ruht“ (1). Was dem Tag der Mittag, ist dem Sonnen-Jahr der Juni mit seiner Sommersonnwende, an der die Tage wieder kürzer zu werden beginnen. – „Der Tag ist seiner Höhe nah, nun blick zum Höchsten auf“, so beginnt Jochen Kleppers „Tischlied“. Ähnlich gemahnt uns die Mitte des Jahres, auf Jesus Christus zu blicken, von dem Johannes der Täufer sagte: „Jener muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30).
Anders als bei der Wintersonnwende, mit der das Jahr zu wachsen beginnt, geht nun der Blick auf den sich ankündigenden Abschied, auf das Ende hin. So durchzieht diesen Text auch eine gewisse Melancholie, wenn von Nacht und Dunkelheit die Rede ist, von Abschied, von Loslassen, ja vom Grab. Doch auch diese Zeit hält noch viel bereit: vom „Reifen“ ist die Rede, also vom Fruchtbringen – denn das Vergehen betrifft nur den äußeren Menschen (4). So wie der Halm auf den Feldern vergeht, doch sein Korn, in die Erde gebracht, neue Frucht bringt, so soll auch der Mensch die Zeichen der Zeit – die zweite Hälfte des Jahres – als Sinnbild seines Lebens begreifen lernen, als Gabe und Aufgabe. Das Ziel des Lebens ist das Leben selbst, der Herr, auf den hin wir wachsen und reifen sollen. In ihm ist immer Morgen, ist immer Beginn, ist Auferstehung.
„Das Jahr steht auf der Höhe“ ist das Gegenstück zu „Lobpreiset all zu dieser Zeit“ (GL 258) bzw. Kleppers Lied „Der du die Zeit in Händen hast“ (GL 257). Was in letzterem zu Jesus Christus gesagt wird, passt auch auf das Sommerlied von Detlev Block: „Der du allein der Ewge heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unsrer Zeiten: Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ Dass in Blocks Lied verschiedentlich Jochen Klepper anklingt, mag auch daran liegen, dass Detlev Block als (em.) lutherischer Pastor mit dem Werk seines Dichter- Kollegen sicherlich vertraut .
Die Melodie von „Das Jahr steht auf der Höhe“ ist von Johannes Steurlein und gehört zu dem Maienlied von Martin Behm: „Wie lieblich ist der Maien“ (Evangelisches Gesangbuch 501). Es wird gern auch von Chören gesungen, ist von daher vielleicht vertraut. Manche Lieder kann man nur selten singen – aber dann sollt man es auch tun – z. B. als Schlusslied am Hochfest Johannes des Täufers.