Gabriel Bunge | Gastrimargia

Gabriel Bunge

Gastrimargia.

Wissen und Lehre der Wüstenväter von Essen und Fasten,dargestellt anhand der Schriften des Evagrios Pontikos (Eremos 3)

LIT-Verlag, Berlin 2012,Hardcover 125 S., Euro 19,90.

ISBN 978-3-643-10782-4

In einem Vortrag zum Thema der religiösen Mahlkultur, den der Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann Anfang des Jahres 2012 an der Universität Heidelberg hielt, kam er auch auf das Fronleichnamsfest zu sprechen. Er erinnerte an den (nicht nur an diesem Tag) gesungenen Vers: „Panem de caelis praestitisti eis – omne delectamentum in se habentem.“ Wir sind es gewohnt, das „delectamentum“ als geistliche Erquickung zu verstehen, doch bedeutet es im Zusammenhang des Brotes nicht zuallererst eine sinnliche, leibliche Erfahrung? Das Fronleichnamsfest gibt uns Gelegenheit, uns in Gedächtnis zu rufen, dass in unseren Gottesdiensten Brot und Wein im Mittelpunkt stehen, dass ein Mahl gefeiert wird, das Jesus, Gast und Gastgeber vieler Mähler, uns zu feiern aufgetragen hat. Was besagt das nicht nur für die stilisierte liturgische Mahlfeier, sondern vor allem für den Alltag der Angehörigen einer Religion, deren Wesen im „Miteinander essen“ besteht, wie es der Exeget Franz Mussner einmal ausgedrückt hat?

Zum Nachdenken über die christliche Kultur des Essens und Trinkens trägt ein neues Buch von Gabriel Bunge bei, der sich mit seiner von den Vätern und der Orthodoxie geprägten Theologie diesmal mit dem Thema Essen und Fasten befasst.

Was kann man von den Mönchen und Klöstern für die Esskultur lernen? Schaut man auf den Buchmarkt, so scheint die Antwort eindeutig: Da geht es meist um kulinarische Genüsse, um Küchengeheimnisse hinter Klostermauern, um Gaumenfreuden im kirchlichen Jahr. Dass dies ein Zerrbild darstellt und eher einem Wunschdenken vor allem der Verlage entspricht, ist klar. Der frühere Benediktiner und seit 2010 zur russisch-orthodoxen Kirche übergetretene Priestermönch Gabriel Bunge zeigt einen ganz anderen Einblick. Er ist in diesem Buch dem Verhältnis der Wüstenmönche des 4. Jahrhunderts zum Essen und Fasten nachgegangen, wie es sich insbesondere bei dem Mönchsvater Evagrios Pontikos (+ 399), dem „Urvater der Psychoanalyse und Psychotherapie“ (20) niederschlägt. Anlass zur Beschäftigung mit diesem Thema war für Bunge das Phänomen des „overeating“ das er vor vielen Jahren kennen lernte, ein oft einsames Laster sinnloser Fressorgien. Nun gelten gerade die Wüstenmönche als „Spezialisten“ in Sachen Laster und Anfechtungen. Evagrios hat dabei wohl als erster versucht, die verschiedenen Laster zu ordnen; in seinem „Lasterkatalog“ nimmt die „Gastrimargia“ den ersten Platz ein – das Laster des „zügellosen Magens“. Dass sie an erster Stelle steht, ist nicht zufällig: „Sie ist nämlich jene erste Bresche, deren die anderen Laster bedürfen, um die Stadt der Seele zu erstürmen“ (22). Nach einer Einführung in die Zusammenhänge des Themas stellt Bunge anhand der Schriften des Evagrios die Erscheinungsformen der Gastrimargia dar. Natürlich schreibt Evagrios für Mönche, aber relativ leicht lässt sich dies auch von modernen Menschen nachvollziehen. Alle die Erscheinungsformen heben letztlich gemeinsam, dass sie – über die Notwendigkeit der Nahrungssorge hinaus – die Versuchung zu einem Rückzug auf sich selbst darstellen. Im Verstoß gegen ein vernünftiges und geregeltes Essen, so die Einsicht der Väter, schneidet sich der Mensch von anderen Menschen ab, ja sogar von Gott, wie es die Ess-Geschichte im Paradies zeigt. Er ist in unguter Weise nur noch auf sich selbst bezogen. Wenn nun ausgerechnet das Fasten als ein Heilmittel gegen diese Sünde gesehen wird, so erstaunt das im Blick auf das Mönchtum nicht. Denn dabei geht es nicht um eine diätetische Maßnahme, sondern um eine Möglichkeit, den verderblichen Tendenzen der Selbstsucht einen Riegel vorzuschieben. Hinzu kommt ein sehr sozialer Aspekt. „War der Fresslüsterne von Angst vor dem Morgen so besessen, dass er weder den Armen noch selbst den Gästen etwas von seinen gehorteten Gütern angeben wollte, so teilt der Fastende sogar das aus, was er zu seinem Lebensunterhalt braucht. Schneidet sich der erste von allem und allen in tödlicher Isolation ab, so wird der zweite … mit allen eins, da er sich mit allen identifiziert.(88) Diese Form des Fastens als Ausdruck der Solidarität ist im westlichen Christentum weitgehend aus der Übung gekommen – vielleicht aber wird sie unserer Gesellschaft von den Muslimen wieder vorgelebt. Die christliche Art des Essens und Trinkens hat also mit Beziehung zu tun: mit der Beziehung zu Gott, die sich aber auch widerspiegelt, widerspiegeln muss in der Beziehung zu den Menschen, die an diesem Vorgang des Essens und Trinkens beteiligt sind, wie auch der Schöpfung überhaupt, die in den Speisen und Getränken auf den Tisch kommt und durch unsere Art des Essens und Trinkens berührt wird. Und letztlich, aber nicht zuletzt, natürlich mit einem selbst, der zu all dem in Beziehung steht. Es wäre wünschenswert, wenn in den Gemeinden öfter über diese Zusammenhänge gesprochen wird, auch und gerade im Gottesdienst, vielleicht gerade an Fronleichnam, aber auch an anderen Tagen, an den das Essen und Trinken, das Mahlhalten, im Mittelpunkt der Verkündigung steht. Das Buch von Gabriel Bunge kann dazu eine Hilfe sein.

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