Das Religiöse als Dekor

„Der Bauer Wladimir Wladimirowitsch Merslikow lag in seinem Bett mit den gewürfelten Kissenbezügen und wartete auf den Tod.“ So beginnt eine kleine Erzählung von Ernst Wiechert („Der einfache Tod“ [in: Das heilige Jahr], Berlin 1936). Sie spielt in Russland zur Zeit der kommunistischen Herrschaft, es ist kurz vor Ostern. „Das Haus duftete nach Osterkuchen, aber der Geruch war ihm zuwider. Er wusste, dass sie nicht mehr für Christus buken, sondern für ihren Magen.“

Das orthodoxe Kirchenjahr spiegelt sich ebenso in den Speisen wie das katholische. Feste und Festzeiten, Fastentage und Fastenwochen haben ihre bestimmten Gerichte, üppig oder kümmerlich, je nach Anlass, und der Festinhalt ist nicht nur im Gottesdienst der Kirche, sondern auch noch einmal in der Speise mit auf dem Tisch. Ja, das Fest war und ist auch im Essen ein Fest, weil man sich wochenlang eingeschränkt hat, auf das Wohlschmeckende verzichtete, um sich dann, wenn es wieder erlaubt ist, umso stärker am Fest zu freuen, denn Fest bedeutet Ausnahmezustand.

Selbst in Zeiten und Gesellschaften, in denen die Religion nicht mehr maßgeblich ist, bleiben Bräuche, vor allem Mahl- und Speisebräuche oft lange erhalten. Aber sie werden äußerlich, haben keinen inneren Bezug mehr. „Das Haus duftete nach Osterkuchen, aber der Geruch war ihm zuwider. Er wusste, dass sie nicht mehr für Christus buken, sondern für ihren Magen.“ Der ursprüngliche Festgedanke bleibt zwar auch über das Essen und Trinken spürbar, aber spielt er noch eine Rolle?

Unzweifelhaft hat sich die religiös geprägte Mahlkultur in den letzten Jahrzehnten  verändert. Als Stichworte genügen die zunehmende Auflösung einer gemeinsamen Zeitstruktur, die den Rahmen für das Mahl gibt, der Rückgang der religiösen Ausdrucksformen auch angesichts eines vielen Menschen wie selbstverständlich erscheinenden Lebensmittelangebots, die Auswahl der Speisen selbst, die oft nicht mehr traditionell, sondern unter verschiedenen, auch durchaus sehr reflektierten Aspekten gewählt werden, der Sinn für das Kochen und Zubereiten, das geradezu zelebriert wird. Kochen und Essen erscheinen nicht mehr religiös geprägt, sondern selbst als eine Art implizite Religion.

Das Mahl ersetzt teilweise das Fest, wächst nicht aus ihm heraus. In den Antworten auf meine Umfrage von 2017 zur Gestaltung und Feier des Heiligabend zeigen sich auch Veränderungen, das Essen betreffend. War das Heiligabend-Essen noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts (zumindest katholischerseits) noch stark von der Einschätzung des Heiligabends als Vigiltag geprägt und damit wenig entfaltet, so lässt sich inzwischen vielfach eine Hinkehr zur lust- und genussvollen Vorbereitung und Gestaltung des Heiligabend-Essens als eines zweiten Höhepunktes neben der Bescherung erkennen. (G. Fuchs, Heiligabend. Ein Fest und seine Rituale, Regensburg 2017) Die religiösen Elemente dieses Tages erscheinen dazu vielfach nur noch als eine Art Dekor. Die Zeichen und Symbole sind zwar in Hülle und Fülle vorhanden, haben aber kaum noch Bedeutung. Im Fall der Speisen und des Mahles wird dies auch massiv durch die Werbung, durch Fensehsendungen und einschlägige Artikel in Verbraucher- und Familienzeitschriften vermittelt. Das Religiöse ist noch Anlass und liefert die äußerlichen Versatzstücke. Am Karfreitag wird in den Restaurants „Edelfisch“ angeboten, am Aschermittwoch „Fastenbier“. Osterspeisen und -gebäcke werden schon Wochen vorher in den Geschäften angeboten. Der Osterbrunch wird zum familiären Zentralereignis hochstilisiert. Warum also warten? „Das Haus duftete nach Osterkuchen, aber der Geruch war ihm zuwider. Er wusste, dass sie nicht mehr für Christus buken, sondern für ihren Magen.“

 

 

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